Bosnien und Herzegowina: Die Vergangenheit ist allgegenwärtig


Vor knapp einem Jahr kaufte ich in einer Preisrabattaktion ein Interrailticket. Ich war euphorisch, ich wollte reisen. Dann blieb es eine Weile ungenutzt liegen. Da nun des Tickets’ Gültigkeit abzulaufen droht, muss ich reisen. Urlaub als Planerfüllung. Welcher Plan, frage ich mich, und versuche zeitgleich, einen zu schmieden: Das Ziel soll mit dem Zug erreichbar sein – und bitte ganz weit weg, fleht das Fernweh in meiner Brust. Ich erwäge verschiedene Destinationen, doch keine fühlt sich richtig an. Ich überlege, ewig bin ich nicht mehr allein unterwegs gewesen, kann ich das noch? So vergehen die Tage, zwei Wochen vor Urlaubsbeginn wälze ich mich wieder einmal durch die Nacht. Kann nicht schlafen, wache auf. Stehe in einem Wattewald, Nebelschwaden, Gedanken irren umher, finden einen Abzweig, und plötzlich die Idee. Wie wäre es nach Bosnien[1] zu fahren? Erst zaghafte Schritte und ein, zwei Lektüren auf den Seiten meiner Reiseblogkolleg:innen, dann volle Wucht. Ich werde nach Bosnien fahren! Ein warmes Gefühl, nennt sich Erleichterung. Es ist drei Uhr dreißig. Decision made.

Morgens von Berlin in neun Stunden nach Wien, weiter mit dem Nachtzug nach Split in Südkroatien, Ankunft: zehn Uhr. Baden in der glasklaren Adria, Übernachtung im Hostelmehrbettzimmer. Am nächsten Tag per Bus sechsstündig nach Mostar.

Mostar // Herzegowina ist weltberühmt. Vor allem die Stari Most, die Alte Brücke, gilt als Wahrzeichen der Stadt und begeistert jedes Jahr hundert-tausende Besucher:innen. Die Schaulustigen tummeln sich in Gruppen um verschiedenfarbige Wimpel erst am Flussufer der Neretva, dann stehen sie auf dem Weltkulturerbe und lauschen den bewegenden Geschichten der Reiseleitung auf Englisch oder Deutsch. Chinesische Tourist:innen gibt es selbstverständlich auch und nicht wenige aus der Türkei. Im 16. Jahrhundert wurde die Bogenbrücke als Nachfolge einer einfachen Holz- und einer wackeligen Kettenbrücke aus einem besonderen Kalkstein erbaut. Ihr Architekt Mimar Hajrudin schuf ein Meisterwerk osmanischer Ingenieurskunst[2], das seit jeher und für 427 Jahre als symbolisches Bindeglied zwischen dem Orient und Okzident, als Ausdruck des friedlichen Zusammenlebens vielerlei Ethnien galt, bis die Brücke 1993 im Bosnienkrieg durch Panzerbeschuss zerstört wurde. Bereits kurz nach dem Ende der verheerenden Kampfhandlungen wurde sie mit international vereinten Kräften in neun Jahren originalgetreu wiederaufgebaut. Heute strahlt die Stari Most im Sonnenschein, doch die einstige Symbolkraft konnte sie nicht wiedererlangen. Tief sind die Gräben, Mostar ist eine geteilte Stadt.

Auch ich besuche die berühmte Brücke, mache Bilder von ihr, mache Bilder auf ihr, überquere sie. Dann fliehe ich hektisch vor den vielen Schnappschusslinsen, ich lass’ euch eure Ruhe und suche die meine, verliere mich im Gassengewirr mit Souvenirgeschäften. Hier werden Patronenhülsen als Kugelschreiber und Schlüsselanhänger angeboten, zwischendrin auch schöne Handwerkskunst. Ich laufe weiter, ein feines Wegegeflecht leitet mich aus der Altstadt hinaus. Und hinein in ein Wohngebiet. Plattenbaublöcke, vermeintlich Tristesse. Aber dieses Vorurteil funktioniert hier nicht. Blau ist der Himmel und Gelb der Anstrich, und an einer Häuserwand prangt ein sagenhaftes Wandgemälde, übergroß, hausfrontgroß. Dort hinten ist ein zweites, und noch viele mehr. Mural world. Ich bleibe stehen, drehe mich im Kreis, betrachte lange diese Bilder. Passant:innen kreuzen meinen Weg, werden auf mich aufmerksam, folgen meinem Blick hoch hinauf, halten inne, schauen sich die Wandgemälde an. Schauen sich ihre Stadt an. Nicken, gehen weiter. Das berührt mich sehr. Wie universal es ist, dass wir Menschen im Alltag vergessen, uns umzuschauen. Dann setze auch ich meinen Weg fort, und sehe nebenan ein leerstehendes Haus, dessen unsanierte Fassade Einschusslöcher zieren.

Noch verstehe ich die Geschichte nicht. Mit dem Zerfall Jugoslawiens beginnt in den 1990er Jahren der Krieg. Bosniaken, Serben, Kroaten.[3] Wer kämpfte, wann und warum? Wo wurde gekämpft und wofür? Wogegen? Die Vergangenheit ist körperlich spürbar, schreit aus allen Ecken und bleibt seltsam stumm dabei. Ich wälze meinen Reiseführer, ich konsultiere das Internet, aber die Puzzleteile wollen nicht ineinandergreifen. Wessen Geschichte ist es? Und wer erzählt sie? Ein Land, geteiltes Land. Ich muss weiterlaufen.

Es ist 17:30, ich sitze im Zug nach Sarajevo. Der Tag war lang und zäh, ich bin erschöpft. Irgendetwas zwickt. Meine Reiseplanung ist ins Stocken geraten. Fünf Tage bin ich schon unterwegs, und fühle bisher zu wenig erlebt zu haben. Ich spüre einen Druck, nein, ich setze mich unter Druck. Alles will ich sehen: die Städte, die Dörfer, die Nationalparks, die Gedenkstätten. Viel Zeit bleibt nicht. Ach, entspannen muss ich auch noch. Es ist ja Urlaub. Wo soll ich anfangen? Alles entgleitet mir. Zudem die Vermissung, seine und meine.

Die Bahnstrecke ist wunderschön. Ich versuche Bilder zu machen, jedoch es ruckelt und Bäume und Sträucher huschen durch die gespiegelte Fenstersicht. Dann nicht, dann ist das nur für mich.

Als 1992 in Bosnien der Krieg begann, war ich neun Jahre alt. Auch »mein Land« war kürzlich untergegangen. Zum Glück gab es bei uns keinen Krieg. Bei uns gab es die Baseballschlägerjahre, Schlagworte tummeln sich in meinem Kopf.

Türkisblau schleicht die Neretva. Dahinter Felsen, grau und steinig, und welche, die laubgrün bewachsen sind. Manchmal eine Kolonie von Häusern, weiße Punkte mit rotem Dach. Einmal ein einzelnes. Das Haus scheint neugebaut, wer wohnt da wohl?

Berge und Täler wechseln sich selbstverständlich ab, nun ein breitgezogenes Tal. Vereinzelt Hügel. Ruckelig, ruckelig.

Nach einer zweistündigen Zugfahrt komme ich in der Abenddämmerung in Sarajevo // Bosnien an. Zu Fuß gehe ich vom Hauptbahnhof, der etwas außerhalb am westlichen Rand der Innenstadt gelegen ist, zu meiner Unterkunft nahe dem alten Marktplatz. Hierbei passiere ich erst eine Schnell-, dann eine Einkaufsstraße, biege am Ewigen Feuer leicht nach rechts und immer entlang der Ferhadija, die mich geradewegs in die Altstadt führt. Ich fühle mich sogleich wohl. Doch nicht erst jetzt, sondern schon mit Grenzübertritt, als ich meinen Ausweis zur Kontrolle vorzeige und die Beamtin nach kurzem Check routiniert Willkommen murmelt – das Tor zu einer unbekannten Welt wurde geöffnet und ich schlüpfte fröhlich hinein. Rechts eine Serbisch-Orthodoxe Kirche, links die Herz-Jesu-Kathedrale, weiter geht’s, vorbei am Jüdischen Museum, und rechts und links und überall begrüßt mich muslimisches Leben. Moscheen, Medresen, enge Handwerker-gassen und Warenhäuser aus dem 16. Jahrhundert, eine ehemalige Karawanserei und ein dreißig Meter hoher Uhrenturm[4]. Ich grüße zurück. Männer sitzen in Straßencafés und trinken Tee. Der Muezzin ruft zum Abendgebet.

Am nächsten Morgen melde ich mich auf Empfehlung bei einer Free-Walking-Tour an. Wir treffen uns zwölf Uhr mittags auf dem Susan-Sontag-Platz[5] vor dem Nationaltheater. Wir, das sind acht Menschen in ihren Nationalitäten bunt gemischt sowie ich und Neno, unser Guide. Er ist etwa in meinem Alter, später werden wir erfahren, dass er die Belagerung Sarajevos miterlebte. Doch zunächst wandern wir durch die vorangegangenen Jahrhunderte – durch das Osmanische Reich (ab 1463), durch die Österreich-Ungarische Verwaltung (ab 1878), durch das Leben im sozialistischen Jugoslawien unter Tito (ab 1945). All diese Epochen hat sich die Stadt architektonisch einverleibt. Die Baumeister waren geschickt in ihrer Planung, Sarajevo ist eine schöne Stadt. Das alte Rathaus im pseudomaurischem Gewand, die Jugendstilhäuser, die olympische Bobbahn in den nahegelegenen Bergen und alles atmet Geschichte und Geschichten. Ich hänge fasziniert an den Lippen des Erzählers: wie er vom Beginn des Ersten Weltkrieges auf diesen Straßen spricht,[6] von den steigenden Mieten im Stadtzentrum und den neuen Straßenbahnen; wie er von der Nationalhymne und ihrem fehlenden Text berichtet und von dem hiesigen Schulsystem mit getrennt unterrichteten Klassen, verschiedenen Lehrbüchern und unterschiedlichen Geschichts-schreibungen. Ich will viel mehr hören und so entschließe ich mich kurzerhand, auch an der Nachmittagsführung zur Belagerung Sarajevos teilzunehmen. Dazwischen eile ich noch flink in den »Tito’s Iron Fist Socialist«-Waschsalon. Ringsherum hängen Bilder und Erinnerungen an den einstigen Staatspräsidenten. Bereits heute Morgen war ich schon hier. Zu diesem Zeitpunkt stand kein Wasser zur Verfügung, also überließ ich meine Wäsche dem freundlichen Ladenbesitzer. Das Wasser laufe immer noch nicht, er arbeite jetzt mit Kanistern, entschuldigt er sich und bietet mir an, meine Wäsche später in meine Unterkunft zu bringen. Ich verneine, das ist nicht nötig, ich komme wieder, machen Sie sich bitte keine Umstände. Seine Hände sind nur noch Stümpfe.

Die zweite Tour ist ungleich schwerer. Das Wetter schafft das richtige Ambiente, eisig fegt der Wind die Berghänge hinab in den Talkessel der Stadt. Von diesen Hängen wurde Sarajevo vom 5. April 1992 bis in den Februar 1996 von bosnisch-serbischen Einheiten belagert, die die Unabhängigkeit Bosniens verhindern und stattdessen ein Großserbien schaffen wollten. 1.425 Tage. Einnahme des Flughafens, Besetzung von Stadtgebieten, »ethnische Säuberungen«. Mehr als dreihundert Granateneinschläge im Durchschnitt pro Tag, am 22. Juli 1993 waren es weit mehr als das Zehnfache. Hecken-schützen aus umliegenden Gebäuden schießen auf die Zivilbevölkerung.[7] Menschen ohne Nahrung, Menschen ohne Strom. Kinder ohne Zukunft. Zehntausend Tote, fünfzigtausend Verletzte. Und die Lebenden. Versteckt in Kellerverschlägen, in Schutzräumen und halb zerbombten Häusern. Doch wer kann auf Dauer nur überleben und tagtäglich dem Grauen ins Gesicht schauen? Neno beschreibt gleichzeitig eine andere Seite des Krieges: Theateraufführungen, Ausstellungen, Konzerte[8] als ein Akt der Selbstermächtigung, ein Ausdruck von Menschlichkeit. Neno hatte Glück, denn er und seine Familie überstanden die Belagerung halbwegs unbeschadet. Wie viele hatten es nicht! Wie viele tragen noch immer ihre Wunden im ganzen Stadtbild sichtbar oder unsichtbar in ihren Herzen. Später danke ich ihm, dass er seine Erinnerungen mit uns teilt. Die Belagerung Sarajevos endet im Zuge des Dayton[9]-Abkommens. Bis heute prägen die Granateneinschläge die Wege der Stadt, einige gegen das Vergessen als Rosen verkleidet. Die Vergangenheit ist allgegenwärtig.

Am Abend videotelefoniere ich mit meinem Freund und referiere kleinstteilig alles Erlebte. Alleinreisen fühlt sich anders an, wenn man eigentlich zu zweit ist. Denke ich noch am nächsten Tag, während ich bei einem starken bosnischen Kaffee, lecker ist der Mokka, auf der Außenplattform eines Cafés meine Gedanken sortiere. Plötzlich erhasche ich eine Melodie, die durch den kleinen Türspalt aus dem Inneren nach draußen schwingt. Es ist Whitney Houston, die I wanna dance with somebody singt.

Wie tonnenschwer die Geschichte wiegt, erfahre ich bei einem Besuch der Galerija 11/07/1995. Ein Erinnerungsort, der von den 8.372 Muslimen erzählt, die durch den Völkermord von Srebrenica[10] ums Leben kamen. Die Räumlichkeiten befinden sich in der dritten Etage eines, ich vermute, einstigen Wohnhauses. Bereits im Hausflur vor dem Eingang begegnen einem die Namen der Ermordeten, im Eingangsbereich folgen 640 kleine Porträts. Ich kaufe eine Eintrittskarte und nehme den Audioguide dazu. Mit Start kann man sich zwischen einer kurzen und einer ausführlichen Version der einzelnen Beiträge entscheiden, ich wähle die ausführliche. Ich will alles wissen, um zu verstehen. Es sind nur wenige Besucher:innen mit mir im Museum und wir lassen uns gegenseitig unsere Ruhe. Zusätzlich abgeschirmt durch die Kopfhörer versinke ich fortan in die Geschehnisse dreißig Jahre zuvor. Ich gehe von Bild zu Bild, den eindringlichen schwarz-weiß Fotografien aus der Serie »Srebrenica – genocide in the heart of Europe« von Tarik Samarah[11]. Zeitgleich höre ich die Geschichten von Hasan, dessen Bruder der Schutz durch UN-Blauhelmsoldaten verwehrt wurde; von Ramo, der seinen Sohn aus den Bergen herbeiruft. Dir wird nichts passieren, schreit er auf Anordnung des bosnisch-serbischen Militärs. Vater und Sohn überleben nicht. Hasans Bruder auch nicht. Ich höre schockierende Details zu den Exhumierungen und das erste Mal bewusst die Worte primäres, sekundäres und tertiäres Massengrab. 94 Massengräber wurden bereits ausgehoben,
6.900 Opfer identifiziert.[12] Ich schleiche, ich sitze, ich erstarre. Manche Teile des Audioguides höre ich ein zweites Mal. Ich kämpfe mit den Tränen, schweigend rinnen sie mein Gesicht entlang. Es ist kaum auszuhalten, aber ich muss. Wir müssen hinschauen, gegen das Vergessen. Nun gehe ich weiter und schaue mir in einem Fernseher bewegte Bilder an. Historische Aufnahmen und Interviews mit Frauen, die bis heute nach ihren toten Männern suchen, nach ihren Söhnen. Die schmerzverzerrt noch immer nicht verkraften, sich nicht einmal verabschiedet haben zu können. Als dann eine Szene gezeigt wird, bei der ein Vater bitterlich weinend eine Decke über sein totes Kind legt, verliere auch ich die Kontrolle. Der stille Tränenfluss bricht über alle Ufer, ich muss hier raus.

Ich resümiere. Mit dem Zerfall Jugoslawiens durch die Unabhängigkeits-erklärungen einzelner Länder wird der Balkan erneut zum sogenannten Pulverfass. Auch in Bosnien erstarkt der Nationalismus. Die Volksgruppen, die bis dahin multiethnisch zusammenlebten, kämpfen nun gegeneinander. Es werden alte und neue Freund-Feindbilder politisch instrumentalisiert: zunächst von den Mächtigen beschworen, infiltrieren diese Bilder sodann weite Teile der Bevölkerung. Der einstige Nachbar, die Schulkameradin wird zum Anderen. Es ist ein Wir gegen Sie. Doch niemand weiß so genau, wer »sie« sind, und später nicht einmal mehr, wer »wir« sind. Hier beginnt die Perversität des Krieges.

Es ist 15:30, ich sitze im Bus nach Banja Luka – und auf in den Norden des Landes. Fünf Stunden liegen vor mir. Großartig! Nur ich und mein Buch (Fang den Hasen), und mein Reisetagebuch. Musik. Keine Daten. Es tut so gut offline unterwegs zu sein, less distraction.

Eine alte Frau links vor mir isst Salzcracker. Das finde ich irgendwie gut, wie sie allein im Bus sitzt und ihre Cracker knuspert. Manchmal verschluckt sie sich ein wenig, dann räuspert sie sich und trinkt im Anschluss ein Schluck Wasser. Welche Geschichte könnte sie mir erzählen?

Diese Berge, sie sind atemberaubend. Dinarisches Gebirge, glaube ich zu wissen. Leider habe ich es nicht geschafft, in die Natur zu fahren, in die Dörfer. Etwas orientierungslos in meiner Reiseplanung zerrann mir die Zeit schließlich in meinen Händen.

O nein, jetzt ist ihre Crackertüte heruntergefallen und einige liegen am Boden verstreut. Dreiecke, Quadrate, Kreise. Daneben auch ein Erdnussflip – der muss von jemand anderem gefallen sein. 

Vielerorts Friedhöfe. Weißer Stein vor grünem Gras. Die Welt zieht an mir vorbei.

Wir folgen einem Fluss, der eine Biegung macht. Ein U nachstellt. »Nachstellt«, ich schmunzle, vermutlich ist der Fluss schon viel länger als das U da. Wie schön das anzuschauen ist. Wie heißt du, schlängelnder Fluss?

Und jetzt ist mir mein Wasser ausgelaufen! Tropf, tropft es den Sitz hinunter. Eine junge Frau hinter mir weist mich freundlich darauf hin. Nun fühle ich mich der älteren Frau verbunden, uns passieren Missgeschicke. Währenddessen raucht der Busfahrer am offenen Fenster gemütlich eine Zigarette.

Es dunkelt bereits in Banja Luka // Republika Srpska. Aus praktischen Gründen habe ich mir eine Unterkunft nahe dem Busbahnhof gebucht. Die Gegend wirkt rau, mein Hotelzimmer wiederrum perfekt. Zum Abschluss entschied ich mich für etwas Luxus, der mich sogleich mit einem Augen-zwinkern begrüßt. Ein Doppelbett mit vielen Kissen in weiß gestärkter Wäsche ist für mich hergerichtet, darauf liegt sorgfältig gefaltet ein Bademantel, und ein großes Badezimmer wartet nur auf mich. Okay, ich nehme eine Dusche, schlüpfe in den weißen Flausch und hüpfe hinein ins Bett. Traumlos ist die Nacht.

Rührei zum Frühstück, danach spaziere ich in die Innenstadt. Überall begegnen mir Flaggen in serbischen Farben, kyrillische Schrift, breite Straßen. Ein fein säuberlich angelegter Stadtpark mit Musik aus kleinen Lautsprecherboxen und Springbrunnen erinnert mich an ein Gefühl aus Jerewan, Armenien. Ansonsten laufe ich etwas ziellos durch die Straßen, sehe das Volkstheater, sehe die serbisch-orthodoxe Erlöserkirche; später das Kaufhaus Boska und das Kastell. Ich kann mich nicht einfinden. Einzig berührend finde ich die Männer, die Straßenschach spielen und jene, die aufmerksam zuschauen. Einzig interessant, die Kunstgalerie, deren Ausstellungsstücke ich in keinen logischen Zusammenhang bringen kann. Viel Zeit bleibt Banja und mir nicht, uns gegenseitig kennenzulernen. Auch geben wir uns wenig Mühe, wir haben uns nichts zu sagen. Meine Gedanken sind stattdessen noch in Sarajevo, sind in Srebrenica, sind verloren in der Vergangenheit. Und die Gegenwart? Milorad Dodik, der Präsident der Republika Srpska, spricht offen über eine mögliche Abspaltung der bosnisch-serbischen Territorien, leugnet lauthals bis heute den Genozid an den Bosniaken und scheut nicht, nach wie vor Feindbilder zu bedienen, die zu überwinden so hilfreich wäre.[13] Nach fünfzehntausend Schritten gebe ich mich geschlagen und gehe zurück in mein Hotelzimmer. Grau hat sich der Himmel verfärbt und stürmisch weht der Wind, ein Unwetter ist angekündigt.

Interesting!

Zur Zeit Jugoslawiens gab es in Bosnien eine Amtssprache: das Serbokroatische. Mit dem Zerfall des Vielvölkerstaates und der Betonung der eigenen Identität wurde auch die Sprache als »Seele des Volkes« instrumentalisiert. Heute gibt es drei gleichberechtigte Amtssprachen: Bosnisch, Serbisch, Kroatisch. Es ist umstritten, ob es sich hierbei tatsächlich um eigenständige Sprachen handelt oder lediglich um Varianten einer gemeinsamen plurizentrischen Sprache, eben dem Serbokroatischen. Doch diese Überlegungen sind linguistischer Natur. Hingegen hat die »sprachliche Verdreifachung in Bosnien« vor allem eine realpolitische Dimension. Offizielle Dokumente müssen in allen drei Sprachen verfasst und veröffentlicht werden. Ein Wahnsinn für die Verwaltung in Aufwand und Kosten.

Ein Absurdum!, zeigt dieses Beispiel: »Die Verdreifachung hat auch zur Folge, dass auf Formularen oder Aufschriften von Produkten oft dreimal dasselbe steht, da die entsprechenden Begriffe in den drei Sprachen identisch sind, etwa die Worte ›Rauchen tötet‹ auf Zigarettenpackungen: ›Pušenje ubija‹ (Bosnisch), ›Pušenje ubija‹ (Kroatisch), ›Pušenje ubija‹ (Serbisch), diesmal wenigstens in kyrillischer Schrift.«[14]

Empfehlungen:

Bücher

  • Bastašić, Lana: Fang den Hasen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021

  • Berbo, Vernesa: Der Sohn und das Schneeflöckchen. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2025 (Unbedingte Leseempfehlung!)

  • Hasanović, Hasan: Srebrenica überleben. Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2023

  • Jacob, Matthias/Plešnik, Marko: Bosnien und Herzegowina. Zwischen Adria und Save, Dinarischem Gebirge und Una. Trescher Verlag, Berlin 2024

  • Mazower, Mark: Der Balkan. Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 2007

  • Sila, Tijan: Radio Sarajevo. Nagel und Kimche, Hamburg 2025

  • Stanišić, Saša: Herkunft. Verlagsgruppe Random House, München 2020

  • Stieger, Cyrill: Die Macht des Ethnischen. Sichtbare und unsichtbare Trennlinien auf dem Balkan. Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2022

Dokumentarfilme

_____

[1] Der offizielle Name des Landes lautet: Bosnien und Herzegowina. Der Einfachheit halber benutze ich nachfolgend die verkürzte Form.

[2] Vgl. Mlinarević-Sopta, Martina: Stari Most, die Alte Brücke – Bogen des Lebens und des Todes. OST-WEST. Europäische Perspektiven (OWEP), 2/12, www.owep.de/artikel/947-stari-most-alte-bruecke-bogen-des-lebens-und-des-todes.

[3] Die drei größten Ethnien in Bosnien sind bosnische Muslime (Bosniaken), bosnische Serben und bosnische Kroaten. In der Präambel der Verfassung sind sie als die konstituierenden Völker Bosniens »(along with Others)« festgeschrieben und offiziell gleichberechtigt. Jedoch zählen sich keineswegs alle Bosnier:innen zu einer der drei Volksgruppen.

[4] Diese Uhr ist außergewöhnlich, denn sie ist weltweit die einzige aktive Uhr im öffentlichen Raum, die weiterhin die alaturka-Uhrzeit anzeigt, bei der der Tag mit dem Sonnenuntergang beginnt und somit zu diesem Zeitpunkt die Zeiger auf zwölf stehen. Und da sich bekanntlich der Zeitpunkt des Sonnenuntergangs täglich ändert, muss die Uhr regelmäßig neu justiert werden.

[5] Während des Bosnienkrieges verbringt Susan Sontag mehrere Wochen in Sarajevo, insgesamt neun Mal kehrt sie in die belagerte Stadt zurück. Sie selbst sieht sich als Botschafterin, ihr dringendster Wunsch: die Welt auf die Lebensrealitäten im Krieg aufmerksam zu machen und sie zum Handeln zu bewegen. Jene »werbewirksame Selbstinszenierung« sowie die Theaterinszenierung von Samuel Becketts »Warten auf Godot« im Sommer 1993 sind in der Öffentlichkeit nicht unumstritten. Nichtsdestotrotz erhält sie noch am Abend der Premiere die Ehrenbürgerschaft der Stadt.
Vgl. Knezevic, Gordana: Susan Sontag's Lasting Gift To Sarajevans Under Siege. RadioFreeEurope/Radio Liberty, 05.04.2017, www.rferl.org/a/susan-sontag-siege-sarajevo-waiting-for-godot/28412155.html.
Vgl. Schreiber, Daniel: Susan Sontag. Geist und Glamour. Aufbau Verlag, Berlin 2009,
S. 240–246.

[6] Zur Auffrischung empfiehlt sich diese fünfminütige Zusammenfassung der Ereignisse zu Beginn des Ersten Weltkrieges: www.studyflix.de/geschichte/attentat-von-sarajevo-6833/video.

[7] Im November 2025 werden erneut schwerwiegende Vorwürfe laut: Westliche Touristen sollen während der Belagerung Sarajevos viel Geld dafür bezahlt haben, aus Stellungen des bosnisch-serbischen Militärs auf Zivilist:innen schießen zu dürfen. Zuvor übergibt der italienische Journalist Ezio Gavazzeni nach jahrelangen Recherchen seine Ergebnisse der Staatsanwaltschaft in Mailand. Gerüchte über einen sogenannten Scharfschützen-Tourismus kursieren seit Jahren, nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Dokumentarfilm »Sarajevo Safari« des slowenischen Regisseurs Miran Zupanič aus dem Jahr 2022. Bereits damals erstattet die Bürger-meisterin von Sarajevo, Benjamina Karić, als unmittelbare Reaktion Strafanzeige. Der Stand der Ermittlungen: unbekannt.

[8] »Während der Belagerung von Sarajevo wurden – offiziell – insgesamt mehr als 3000 Kunstwerke geschaffen, rund 50 Konzerte veranstaltet und mehr als 170 Ausstellungen organisiert. In den Theatern fanden mehr als 180 Premieren statt. […]
In den Kellern der Stadt fand noch während der Belagerung das erste Sarajevo Film Festival statt.«
O.V.: Belagerung von Sarajevo: Kunst half beim Überleben im Krieg. Frankfurter Rundschau, 01.10.2025, www.fr.de/zukunft/storys/kultur/belagerung-von-sarajevo-kunst-half-beim-ueberleben-im-krieg-93964892.html.

[9] Auf der Militärbasis in Dayton, Ohio, USA wird im Dezember 1995 ein Friedensvertrag geschlossen, der bis heute als Verfassung des souveränen Staates Bosnien und Herzegowina gilt. Der Staat wird in den international anerkannten Grenzen von 1992 weitergeführt und in zwei Entitäten, der Föderation Bosnien und Herzegowina und der Republika Srpska, die jeweils eigene Regierungen haben, sowie einer Sonderzone dem Brčko-Distrikt unterteilt. Als Staatsoberhaupt amtiert ein dreiköpfiges Präsidium aus einem Bosniaken, einem Serben und einem Kroaten. Des Weiteren gibt es einen Hohen Repräsentanten, eine Art Hüter des Friedens, der von den Vereinten Nationen ernannt wird und über weitreichende Befugnisse verfügt,
z.B. Gesetze erlassen oder außer Kraft setzen sowie Mandatsträger absetzen. Dieses politische System gilt als eines der kompliziertesten der Welt. Alles gibt es drei Mal zwei Mal x. Durch Parität sollte Gleichheit geschaffen werden, doch herausgekommen ist eine enorm ineffiziente Verwaltung und ein politisches System, das sich selbst blockiert. Zwar herrscht dreißig Jahre nach Friedensschluss weiterhin Waffenstillstand, aber dieser Frieden ist fragil.

[10] Am 11. Juli 1995 erobern bosnisch-serbische Truppen unter General Ratko Mladić die Stadt Srebrenica im Osten des Landes. Zu diesem Zeitpunkt halten sich mehrere zehntausend Bosniaken als Flüchtlinge in der demilitarisierten und zur UN-Schutzzone erklärten Stadt auf. Die Lebensbedingungen sind seit vielen Monaten katastrophal, es fehlt an Wasser, Essen, Strom – und so stößt die Armee auf nur wenig Widerstand durch die unbewaffneten und entkräfteten Bewohner:innen. Zudem bleibt die von den Blauhelmsoldaten zuvor angeforderte Luftunterstützung durch die NATO aus. Die Menschen flüchten, suchen in Todesangst nach Schutz. Fünfundzwanzig-tausend Bosniaken, vor allem Frauen, Kinder und Ältere, gehen in das fünf Kilometer entfernte Potočari, in der Hoffnung bei den dort stationierten, niederländischen Blauhelmsoldaten Zuflucht zu finden. Für die meisten ohne Erfolg. Sie werden getrennt von ihren Männern in Bussen in andere Landesteile abtransportiert. Zeitgleich fliehen zehntausend Männer in die Berge, in der Hoffnung unter dem Blätterdach der Bäume unauffällig auf bosniakisch kontrolliertes Gebiet zu gelangen. Für viele ohne Erfolg. Sie werden in den Wäldern aufgespürt und entweder direkt vor Ort ermordet oder in nahegelegene Fabriken und Schulen gebracht und dort massenweise hingerichtet. Diese Gräueltaten gelten als das schlimmste Kriegs-verbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Und die Welt schaut zu.
Zur Chronologie der Ereignisse ist das Buch »Srebrenica überleben« von Hasan Hasanović sowie die Dokumentation »Srebrenica: A Cry From The Grave« von Leslie Woodhead sehr empfehlenswert.

[11] Tarik Samarah, 1965 in Zagreb geboren, lebt während der Belagerung in Sarajevo und geht nach dem Krieg nach Srebrenica, um Zeugnis abzulegen. Er spricht mit Überlebenden, fotografiert die Massengräber, die Exhumierungen. Seine Bilder in schwarz-weiß drücken »die Grenze zwischen Leben und Tod aus – die Reduzierung der Farben entführt uns in eine Welt des Graus, in der alle Normen der Menschlichkeit aufhören zu existieren«. 2012 eröffnet er die Galerija 11/07/1995, in der sowohl seine Werke als auch Sonderausstellungen gezeigt werden.
www.galerija110795.ba/exhibitions/permanent-exhibition-srebrenica.

[12] Vgl. www.srebrenicamemorial.org/en/page/mass-graves/27.

[13] Im August 2025 wird Milorad Dodik seines Amtes enthoben, nachdem ein Gericht ihn wegen illegaler Gesetzesbeschlüsse zu einer Haftstrafe und einem Verbot politischer Aktivitäten verurteilt. Daraufhin übernimmt im November 2025 der Dodik-nahe Siniša Karan das Amt. 

[14] Stieger, Cyrill: Die Macht des Ethnischen. Sichtbare und unsichtbare Trennlinien auf dem Balkan. Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2022, S. 159.

*Alle Internetseiten wurden zuletzt am 05.02.2026 aufgerufen und auf ihre Inhalte überprüft.

Weiter
Weiter

Bosnia and Herzegovina: The past is ever-present